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Das Leben ist kein Spiel: Glanz und Tiefe der Violetta am Staatstheater Braunschweig

25.12.2006
von Sven-David Müller

In der Interpretation von Kerstin Maria Pöhler, die zum Ende der Spielzeit das Staatstheater verlässt, um als freie Regisseurin zu arbeiten, gelang ein glanzvoller Opernabend mit beeindruckenden Bildern und Akzenten in Licht und Spiel.  Besonders beeindruckend war die Übersetzung von Emotionen in Lichteffekte: Wie violettes Licht als Ausdruck der Veränderung oder vielmehr des Übergangs zu Beginn des dritten Aktes und das weiße Licht als „Farbe“ des Neubeginns am Ende. In diesem Zusammenhang auch unter Einbeziehung der Nahtoderfahrung (gleißendes Licht am Ende des Tunnels für Violetta) stellt sich die Frage, ob Violetta in den Tod oder in ein neues Leben geht. Der Wechsel von Schwarz-Weiß-Rot zu im ersten Akt zu unschuldig kitschiger Farbgebung im zweiten Akt hatte eine extreme Wirkung. Dieses zweite Bühnenbild zeigt die Naivität von Violettas Traum, ausgedrückt durch eine sehr spezielle Farbgebung und Wiederholung des Puppenhauses in mehrfacher Wiederholung (Spiegelung?).

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Der Gedanke, das Blumenmuster von Violettas Kleid in der eilig übergezogenen Weste von Alfredo zu wiederholen, beeindruckte umso mehr, da die von Violetta später verworfene Puppe, also ihr Traumleben, auch so gewandet war. Das Bühnenbild und die Kostüme von Frank Fellmann waren zeitlos und stimmig zur Inszenierung. Überdimensionale Bilderrahmen schlossen die Handlung ein. Violettas Leben fehlte dieser Handlungsrahmen, sie fiel in ihrer Zwiespältigkeit, die Pöhler wunderbar - fast zu deutlich - herausarbeitet aus dem Rahmen. Rahmen geben Orientierung und engen zugleich ein. Überpointiert zeigte Pöhlers Ansatz das frivole Alltagsleben der Violetta und ihrer Umgebung.

Aber lassen sich schon aus einer Videoinstallation mit Hahnenkampf und aus Käfigen entsteigenden „leichten Mädchen“  Buh-Tiraden rechtfertigen? Nein – das Publikum hatte sich an verhüllten Brüsten erregt und ignoriert, das Violetta auch eine Kurtisane war. Ob Mätzchen wie zum Phallus „geformte“ Hemdzipfel, die den Hosenstall der Chorherren zierten wirklich sein mussten, bleibt fraglich. Kerstin Maria Pöhler führt den Chor beeindruckend und macht ihn zum wahrhaften Handlungsträger.

Die armenische Liana Aleksanyan debütierte in Braunschweig als Violetta und erlebte den Triumph ihres wundervollen Soprans. Die 26 jährige Sängerin hatte alles, was diese Rolle verlangt. Ihre Höhe schien unbegrenzt und blühte warm auf. Sie führte ihren lyrisch dramatischen Sopran bruchlos durch die Lagen und wies eine Koloraturfähigkeit auf, die Effekte machten. Publikum, Chor, Orchester und Leitungsteam beklatschten diese Leistung zurecht.

Für Thomas Blondelle kam der Alfredo im doch großen Haus in Braunschweig wohl etwas zu früh, denn er hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Der 24 jährige Tenor zeigte eine herausragende Schauspielerqualität. Sein Tenor ist baritonal grundiert, in Höhe blühend und zum großen Ausbruch fähig. Einige Kikser und wenige Einbrüche zeigten jedoch eine Überforderung.

Jan Zinklers Entwicklung am Staatstheater Braunschweig zeigt in Richtung Charakterbariton. Sein Giorgio Germont zeichnet sich durch eine in allen Lagen gut ansprechende warme Baritonstimme aus, die durchaus die Klippen der Rolle bewältigt. Ein großer „Vater“ ist er nicht, denn so gut sitzt seine Stimme noch nicht und er muss übermäßig einfärben, um Ausdruck zu gewinnen. Seine körperliche Schlaksigkeit ist nicht kongruent zur Vaterrolle, denn würdevoll ist zuweilen seine Stimme, aber nicht sein körperlicher Ausdruck.

Den Staatstheater-Chor und Extrachor hatte Georg Menskes herausragend und die Choristen gaben einen präzisen Handlungsrahmen mit großem Schauspielerischem Einsatz. Bravo!

Dirigent Gerd Schaller konnte sich auf das konzentriert aufspielende Staatsorchester Braunschweig absolut verlassen und dem erfahrenen Kapellmeister gelang es zauberhafte und dramatische Töne hervorzulocken. Stets hatte Schaller alle Fäden in der Hand und glich auch kleinste Unstimmigkeiten sofort aus. Mit großer Dynamik und Engagement kosteten die Musiker unter seiner Leitung drohende Wucht und Dynamik der Partitur voll aus.

In den Nebenrollen gefielen Siegfried Pokern (Gastone), Malte Roesner (Barone Douphol), Mario Klein (Marquese D´Obigny) sowie Kathrin Hildebrandt als Annina mit wunderbarem Alt. Als Luxusbesetzung in der Rolle des Dottore Grenvil fiel Selcuk Hakan Tirasoglu mit warmer, edler Bassstimme besonders auf.

Fast gingen im Schlussapplaus die vehement vorgebrachten Bravos im Buhgewitter an der Oker unter. Braunschweig erlebte mehr als eine klassische La Traviata und konnte mit den neuen Ansätzen von Kerstin Maria Pöhler offensichtlich leider nicht umgehen.

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