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Die langweilige Hochzeit des Figaro in Bad Hersfeld

15.08.2007
von Sven-David Müller

Der Regisseur erreichte es nicht, dass die Oper über eine kleine Spielfläche hinauskam, und außerdem ließ er seine Darsteller weitgehend im Stich, und im Publikum machte sich Langeweile breit. Von Opera buffa war in Bad Hersfeld nichts zu spüren. Lächeln oder gar Lachen gab es praktisch nicht. Aber auch die Sozialkritik des Librettos von Lorenzo da Ponte blieb unverständlich unbeleuchtet. Dabei bietet die Aufführung in Deutscher Sprache so viele Möglichkeiten. Bedauerlich ist auch, dass die Arie 25 gestrichen wurde. Hier hätte sich die angenehme Tenorstimme von Kristian Giesecke bestens bewähren können, der zurecht für seine kluge Darstellung und hervorragende Stimmführung mit dem Orpheuspreis für Nachwuchssänger ausgezeichnet wurde.

Die „Inszenierung“ von Wieg wollte so überhaupt nicht zu seinem modernen Bühnenbild passen. Wieso er die Möglichkeiten, die er sich selbst gegeben hatte, nicht nutzte, ist fraglich. Schließlich und endlich gab es ein aus Versatzstücken bestehendes Bühnenbild, das eigentlich für die Entwicklung der Oper ohne Bedeutung war. Das Bühnenbild als bloße Dekoration für die Stiftsruine? Aber über dieser Inszenierung schwebte einfach kein guter Stern, denn bereits die Premiere musste regenbedingt abgebrochen werden. Die musikalische Leitung der Oper hatte Ekkehard Klemm übernommen, der in diesem Jahr erstmalig zusammen mit dem künstlerischen Direktor der Opernfestspiele Bad Hersfeld Siegfried Heinrich auftrat und zeigte, dass er ein erfahrener Kapellmeister ist. Das Dvorak-Sinfonieorchester aus Prag setzte die Partitur sicher aber wenig inspirierend um. Von Delikatesse der Mozart-Musik war nur noch wenig zu vernehmen. Immer wieder zeigte sich beim Blick auf den Dirigenten, dass dieser mehr vom Orchester wollte, als dieses zu geben bereit war. Reine Routine mit etlichen Patzern im Blech (Hörner) beherrschte die Klangwelt in Bad Hersfeld an diesem Abend.

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Die öden Kostüme korrespondierten nicht mit den Versatzstücken des Bühnenbildes und blieben bloße Bekleidung der Sänger. Aber der Abend zeigte nicht nur Defizite im Orchestergraben und im Spiel, sondern leider auch im Gesang. Die wichtigen Herren-Partien des Figaro und Grafen waren klassische Fehlbesetzungen. Gamaliel von Tavel als Figaro mühte sich zwar um eine adäquate Darstellung des Figaro, blieb aber stimmlich so blass, dass seine Arien keine Höhepunkte des Abends waren. Erschreckend zeigte sich, dass Claire Singher, die die Susanna mit (zu) festem Sopran sang, der eher für die Gräfin geeignet schien, ihn ungewollt in den Schatten stellte. Es fehlte von Tavel einfach an Stimmvolumen und
-beweglichkeit. Leider war auch die Tiefe seines farblosen Bariton brüchig. Der Bariton von Thomas Müller als Graf Almavia konnte nur in einigen dramatischen Passagen der Rolle halbwegs gefallen. Lyrische Momente gingen dem Sänger und seiner Stimme scheinbar einfach ab. Die notwendigen Koloraturen bewältigte der junge Sänger überhaupt nicht.

Insgesamt führten die Frauen das Ensemble stimmlich an. Die Krone gebührt Jana Reiner, die mit ihrem lyrisch-dramatischen Sopran Akzente zu setzen vermochte und deren volle und klangschöne Stimme gut zur Susanne passt und sich doch abhebt, sodass in den Duetten eine besondere Atmosphäre entstand. Die große Arie der Gräfin bildete den gesanglichen Höhepunkt der Oper! Eine Entdeckung ist der stimmschöne Mezzosopran von Ji-Yeon Jin, die dem Cherubino ein besonderes Profil gibt. Leider neigt die Sängerin zum Chargieren – in der Darstellung wäre etwas weniger viel mehr! Hanna Herfurthners Barbarina ist eine Luxusbesetzung und so brachte sie die Nadel-Arie mehr als achtbar dar – vielmehr setzte sie einen echten Akzent. Arthur Pirvu (Bartolo) verfügt nicht über die Stimme eines Basso profondo und auch Marcellina, die von Gabriela Maria Schmidt ohne Esprit und Boshaftigkeit dargestellt wurde, ließ die notwendige Tiefe in Stimme und Spiel vermissen. Insgesamt kommt diese Aufführung über unteres Stadttheater-Niveau nicht hinaus. Im kommenden Jahr stehen die Opern La Traviata und Hänsel und Gretel auf dem Plan der 29. Opernfestspiele in der Stiftsruine. Weitere Informationen und Kartenbestellung unter www.opernfestspiele-badhersfeld.de.

Rezensenten: Kulturpublizist Sven-David Müller
Sven-David Müller, Zentrum für Kulturkommunikation (ZEK), Gotenring 37, 50679 Köln (Deutz), 0172-3854563, info@svendavidmueller.de, http://www.svendavidmueller.de

Besuche Vorstellung: 11. August 2007

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