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Extrem dicke Jugendliche brauchen sofort eine Operation

04.07.2011
von Sven-David Müller
Auf Einladung von Universitätsprofessor Dr. Kurt Widhalm kamen 100 Wissenschaftler aus ganz Europa im Billrothhaus, Wien, zusammen, um sich der Problematik des hochgradigen Übergewichts bei Jugendlichen zu widmen. Adipositas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Europa und vielen Ländern der Welt zu einem wichtigen Thema der Kinder- und Ju-gendmedizin entwickelt. Das Symposium zeigte auf, dass sich durch den Wandel des Lebens-stils auch die Pädiatrie gewandelt hat, vielmehr wandeln musste. Immer mehr rückt der Metabolismus mit Adipositas, juveniler Typ 2 Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen in den Focus des Kinderarztes. Der Weg weist von Kinderkrankheiten zur inneren Medizin, so-lange Fehlernährung und Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen vorherrschen. Alterskrankheiten werden zum täglich Brot der Kinderärzte, betonte Widhalm. Parallel zum internationalen Anti-Diät-Tag trafen am 6. und 7. Mai Wissenschaftler zusammen, um das zunehmende Problem übergewichtiger und besonders morbid adipöser Heranwachsender zu thematisieren. Ob das Magenband und der Magenbypass die einzigen Lösungen für extrem dicke Kinder und Jugendliche darstellen, wurde beim Internationalen Symposium „The morbidly obese adolescent: is bariatric surgery the only option?“ unter der Leitung von Kurt Widhalm erstmalig in Europa auf wissenschaftlichem Niveau interdisziplinär und länderüber-greifend diskutiert. Veranstalter war die European Association for Research on Obesity in Childhood (EAROC). In 40 wissenschaftlichen Beiträgen diskutierten Forscher über das im-mer relevanter werdende Problem adipöser Heranwachsender. Bisher sind erfolgreiche The-rapien kaum vorhanden, bemängelte der Tagungspräsident Widhalm. Interdisziplinäre Teams, die strukturierte Präventionsprogramme anbieten, sind eine Seltenheit in Europa. Widhalm ist es gelungen, mit dem „Wiener Adipositas-Kongress“ in Europa einen Schub zur Verhütung und effektiven Behandlung zu setzen. Der moderne (sitzende) Lebensstil, genetische und so-zioökonomische Faktoren und Hyperphagie machen immer mehr Heranwachsende gefährlich dick. In Kinderarztpraxen sind 140 Kilogramm schwere Jugendliche - mit und ohne Typ-2-Diabetes mellitus - keine Seltenheit mehr. Das Symposium widmete sich dem ethisch proble-matischen Thema, ob das Magenband eingesetzt oder ein Magenbypass angelegt werden darf oder soll, zeigt Versorgungsdefizite auf und forderte die Gesundheitspolitik heraus. Bis zu zwei Prozent der Jugendlichen in Österreich sind krankhaft fettsüchtig. Die Forschung im Bereich der Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas steckt in den Kinder-schuhen und muss dringend verstärkt werden, forderte Kurt Widhalm.

Adipositas bei Heranwachsenden ist nicht niedlich, sondern gefährlich
Übergewicht ist mehr als ein kosmetisches Problem und das Übergewicht von Kindern ist nicht süß oder niedlich, sondern es macht krank und die Betroffenen haben ein schweres kur-zes Leben vor sich, fasste Sven-David Müller, M.Sc., aus Anlass der Kongress-Pressekonferenz zusammen. Immer mehr Heranwachsende leiden unter "Altersdiabetes". Di-cke Kinder haben wie dicke Jugendliche keine (gesunde) Zukunft. Studien zeigen, dass der Bildungsstand bei ihnen niedrig ist, die Berufsaussichten schlecht und die Partnerfindung für Dicke schwer ist. Adipositas begünstigt Depressionen, die wiederum Adipositas begünstigen. Ein Teufelskreis entsteht, aus dem die Betroffenen allein nicht ausbrechen können. Und trotz-dem sieht die Präventionslandschaft im Bereich Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen aus wie die Wüste. Mager und karg sind die Angebote der Krankenkassen und der staatlichen Einrichtungen in ganz Europa, kritisierte der Ernährungsmediziner und Kin-derarzt Widhalm. Die Anzahl zertifizierter Angebote auf wissenschaftlich einwandfreiem Niveau, die Prävention und Therapie bei Kindern und Jugendlichen durchführen, ist erschre-ckend gering, bemängelte Widhalm. Der Ernährungsmediziner gehört zu den führenden Er-nährungsmedizinern in Europa. Kurt Widhalm ist an der Universitätskinderklinik Wien tätig und als Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin für die Ausbildung von Ernährungsmedizinern in Österreich verantwortlich. Er hat sich auf Fett-stoffwechselstörungen und die Vorbeugung und Behandlung von Übergewicht, Adipositas und Fettstoffwechselstörungen bei Heranwachsenden spezialisiert. Inzwischen kommt es im-mer wieder dazu, dass chirurgische Maßnahmen wie das Magenband oder der Magenbypass bei morbid adipösen Kindern und Jugendlichen eingesetzt oder gelegt werden, obwohl eine adäquate Nachsorge nicht gegeben ist oder nicht angenommen wird, kritisierte Widhalm. Obwohl das Krankheitsbild Adipositas bei Heranwachsenden häufig ist, bleibt es noch immer im Wesentlichen unbeachtet und das muss sich ändern, so Widhalm.

Die Forschung im Bereich morbide Adipositas muss ausgebaut werden
Die Kongress-Beiträge und Diskussionen haben aufgezeigt, dass die wissenschaftlichen und klinischen Arbeiten auf dem Gebiet der Therapie des hochgradigen Übergewichts Heran-wachsender viel tiefer und mehr in die Breite gehen müssen. Der Kenntnisstand über die Auswirkungen der Comorbiditäten (Kohlenhydrat-Stoffwechselstörungen, Hypertonie, Arte-rienveränderungen oder Gelenksschäden) sowie insbesondere über die psychischen Probleme (Isolation bis hin zur Depression) ist unzureichend und die Forschungen auf diesen Gebieten müssen dringend forciert werden. Konservative Therapien müssen verbessert werden, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Von den chirurgischen Verfahren müssen jene - im Rahmen von Multicenter-Langzeitstudien -  gefunden werden, die die niedrigste Komplikationsrate und die besten Erfolge zeigen. In jedem Fall – so das klare Ergebnis der Diskussionen - braucht es Kooperation zwischen den Fachdisziplinen wie Pädiatrie, Innere Medizin, Chirurgie, Ernäh-rungsmedizin, Psychologie, Orthopädie/Unfallchirurgie und Sportmedizin. Die Gesundheitspolitik muss die administrativen Voraussetzungen schaffen, die Betroffene an Langzeit-Follow-Up Programme zu binden, aber auch intensive Bemühungen unternehmen, der Prä-vention wirksame Instrumente und finanzielle Ressourcen zur Verfügung zu stellen, fasste Widhalm zusammen.

Adipositas-Chirurgie bei morbid adipösen Jugendlichen
Wenn die bisher üblichen Therapien nicht wirkungsvoll sind, ist es erforderlich, durch Opera-tionen das Problem der morbiden Adipositas bei Jugendlichen zu lösen, machte Universitäts-dozent Dr. Gerhard Prager, Leiter der Adipositasambulanz der Universitätsklinik für Chirurgie im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, deutlich. Er erläuterte, dass Adipositaschirurgie keine Lifestylemedizin ist, sondern vielmehr die letzte Lösungsmöglichkeit bei extrem dicken Jugendlichen, die sonst früher oder später sterben würden. Welche Patienten in Frage kom-men, lässt sich nur im Einzelfall beantworten. Problematisch ist die Nachsorge, da eine Ope-ration die Fettsucht nicht automatisch heilt. Das Magenband (Gastric Banding) wirkt nicht ausreichend effektiv und die Langzeitdaten sind unzureichend, informierte Prager. Der Magenbypass demgegenüber erzielt deutlich bessere Ergebnisse. Aber beide Methoden sind keine Lösung für das allgemeine Übergewichtsproblem und der Chirurg steht nach Aussagen des Chirurgen ganz am Ende der Behandlungskette. Der Magenbypass hat laut Prager durchschnittlich zu einer 70 prozentigen Gewichtsreduktion geführt. Das entspricht 40 bis 50 Kilo-gramm bezogen auf das Ausgangsgewicht. Damit ist es möglich, Fettsucht bei Jugendlichen zu beherrschen. Neben der morbiden Adipositas werden auch die daraus resultierenden Symptome behandelt. Der Chirurg wies darauf hin, dass nach adipositaschirurgischen Eingriffen grundsätzlich eine abgestimmte Substitutionstherapie erfolgen muss, um der Mangelernährung vorzubeugen. Die Nebenwirkungen der Adipositaschirurgie sind nach Angaben von Prager überschaubar.

Morbide Adipositas ist eine Krankheit der Überflussgesellschaft

Überfluss macht krank und dick, fasste Universitätsprofessorin Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger, Psychologie der Universität Salzburg, zusammen. Die Psychologin wies nach-drücklich darauf hin, dass Immigranten spezifische Präventions- und Therapiemaßnahmen erforderlich machen. Studien zeigen, dass es Übergewichtsfamilien gibt. Bei diesen kann es erforderlich sein, dass die Berater und Therapeuten in der häuslichen Umgebung agieren. Be-sonders Diätologen und Diätassistenten können oft nur in der Familie selbst etwas erreichen. Problematisch ist, dass die Infrastruktur für die Prävention oder Therapie der Adipositas von Jugendlichen nicht vorhanden ist. Die Versorgung muss einerseits an Universitätsklinika und auch dezentral stattfinden, um eine ausreichende Qualität und Quantität möglich zu machen. Die für jeden nachvollziehbare Kennzeichnung und Besteuerung von energiereicher Nahrung wird wohl ein Wunschtraum bleiben. Die Ampelregelung (Lebensmittelampel) scheint die Hürden der Bürokraten in Europa nicht überwinden zu können.

Übergewicht muss kontinuierlich dokumentiert werden

Die Prophylaxe und Therapie der morbiden Adipositas bei Heranwachsenden sollte grund-sätzlich nur in zertifizierten Einrichtungen angeboten werden. Die Krankenkassen und sonsti-ge Kostenträger forderten die Experten auf, nur zertifizierte Angebote zu finanzieren. Die Referenten des Symposiums waren sich einig, dass der Dokumentation von Gewicht und Größe bei Kindern und Jugendlichen eine große Bedeutung zukommt. Bei jeder ärztlichen Untersuchung müssen Gewicht und Größe gemessen und dokumentiert werden. Heranwachsende müssen nicht nur in der Schule mehr Bewegungsangebote erhalten und (wieder) lernen sich natürlich zu bewegen. Die Referenten forderten die tägliche Turnstunde in der Schule. Grundsätzlich darf in der Therapie der Fettsucht bei Heranwachsenden keine Zeit verloren gehen. Oftmals warten Kinderärzte einfach zu lange. Worauf soll der Kinderarzt bei einem 140 Kilogramm schweren Jugendlichen noch warten, stellte Tagungspräsident Widhalm die entscheidende Frage. Es sollte bei diesen Fällen so früh wie möglich operiert werden, denn andernfalls droht Verlust an Selbstbewusstsein und Lebensqualität sowie Lebensdauer! Wei-tere Informationen unter www.earoc.org

Kongressberichterstatter: Dipl.-Päd. Almut Müller und Sven-David Müller, M.Sc.

www.svendavidmueller.de

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