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Heilfasten: Grenzen und Risiken

28.02.2013
von Sven-David Müller
Um das Thema Heilfasten ranken sich Mythen. Der beliebtesten Mythos ist der vom Entschlacken. Die Redakteure von ellviva.de erklären, dass Schlacken mehr mit der Gewinnung von Metallen bei der Erzverhüttung zu tun haben als mit Ernährungslehre und warum Heilfasten mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein kann: Wer kennt das nicht? Nach der Karnevals-Völlerei kommen das schlechte Gewissen und mit der Fastenzeit der Wunsch, seinen Körper von innen zu reinigen beziehungsweise zu entgiften, abzunehmen oder zu entschlacken. Was die Anhänger des Heilfastens häufig nicht bedenken ist, dass man damit unter Umständen genau das Gegenteil als eine Entgiftung und Gesundung des Körpers erreicht.

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für Schlacken
Noch nicht einmal Anhänger des Heilfastens sind sich einig, worum es sich bei „Schlacken“ genau handeln soll. Die einen reden von „Zwischenprodukten eines unvollständigen Eiweißstoffwechsels“ und andere von „Abbaustufen der Naturfette“. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung DGE steht Heilfasten daher als Maßnahme zur Gewichts-Reduktion eher kritisch gegenüber: „Der in Zusammenhang zum Heilfasten immer wieder genannte Begriff „Entschlacken“ ist wissenschaftlich nicht begründbar. In einem gesunden menschlichen Körper gibt es keine Ansammlung von Schlacken und Ablagerung von Stoffwechselprodukten. Nicht verwertbare Stoffe werden bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr über den Darm und die Nieren ausgeschieden.“ Aus dem gleichen Grund helfen auch keine Entschlackungs- oder sogenannten Detox-Getränke. Dazu sagt Professor Dr. Simon Brooks vom Zentrum für menschliche Physiologie in Adelaide (Australien): „Es ist also Quatsch zu denken, man könne die Entgiftung mit irgendwelchen Wundermittelchen beschleunigen“

Warum kann Heilfasten kontraproduktiv sein?
Heilfasten in Form des Heraushungerns von Fettgewebe kann sogar das Gegenteil einer Entgiftung bewirken. In einer Studie der Laval University in Québec (Kanada) haben Wissenschaftler fettleibige Patienten untersucht. Die Teilnehmer der einen Studiengruppe versuchten abzunehmen, indem sie sich einer Magenverkleinerung unterzogen. Zwar verloren diese im Durchschnitt etwa 45 Prozent ihres Körpergewichts. Auf der anderen Seite wurden höhere Schadstoffwerte in ihrem Blut festgestellt. „Die chlororganischen Verbindungen nahmen um 388 Prozent zu“ sagt Studienleiter Professor Dr. Normand Tesdale. Das sind Giftstoffe, wie wir sie beispielsweise durch den Verzehr von gespritztem Gemüse oder Obst zu uns nehmen. Die Teilnehmer der anderen Studiengruppe unterzogen sich lediglich einer kalorienreduzierten Diät. Diese nahmen weniger ab. Andererseits waren deren Giftwerte nur um 20 bis 50 Prozent erhöht. Heilfasten führt also zur Überschwemmung unseres Körpers mit Giften. Gesund ist das nicht.

Warum Körperfett sinnvoll ist
Die Fähigkeit unseres Körpers beziehungsweise unserer Zellen Fett-Reserven zu bilden hat mehrere Vorteile. Zum einen schützten sie den Organismus vor dem Verhungern in nahrungsarmen Zeiten. Sie dienen aber auch als Kältepuffer und als Zwischenlager für fettlösliche Gifte. Diese können Umweltgifte wie Alkohol oder Pestizide sozusagen unter Quarantäne stellen. Dort bleiben die Giftstoffe allerdings nur so lange, bis der Körper beim Heilfasten auf die Fettreserven zugreifen muss.

Radikales Heilfasten kann schädlich sein
Das erklärt auch die Ergebnisse einer Studie der Kyungpook National University in Südkorea. Bei dieser wurde der Zusammenhang zwischen Gewichtsabnahme und bestimmten Giftwerten im Blut bei 1.099 Probanden untersucht. Je übergewichtiger die Probanden vor der Diät waren, je mehr sie abnahmen beziehungsweise und je härter deren Diät war, desto höhere Pestizid-Werte wurden im Blut festgestellt. Sogenannte Null-Diät und lange Radikalkuren wie Fasten oder Heilfasten können also schädlich sein. Deshalb sieht die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) Heilfasten kritisch: "Fasten als Mittel zur Gewichtsreduktion lehnen wir grundsätzlich ab", sagte der DAG-Präsident Hans Hauner gegenüber dem WDR, da dabei Herz-Rhythmus-Störungen, Mineralstoffmangel oder Vitaminmangel auftreten könnten.

Heilfasten kann die Entstehung von Gicht begünstigen
Durch Fasten und Heilfasten kann die Entstehung von Gicht begünstigt werden. Gicht ist eine Stoffwechsel-Erkrankung. Wenn diese nicht behandelt wird, lagern sich Kristalle aus Harnsäure an den Gelenken ab - sogenannte Gichtknoten. Diese entstehen beim Abbau von Zellkernen, die Purine beinhalten. Normalerweise wird die Ausscheidung von Harnsäure durch die Niere gewährleistet. Ist diese gestört, besteht ein erhöhtes Risiko, an Gicht zu erkranken. Es ist daher wichtig, einer purinarmen Ernährung den Vorzug zu geben beziehungsweise eine purinreiche Kost zu meiden. Aber auch Fasten und Heilfasten steigern das Risiko, an Gicht zu erkranken. Denn auch die menschlichen Zellkerne enthalten Purine und auch diese werden  zu Harnsäure abgebaut, die sich als Gichtknoten an den Gelenken ablagern können.

Wer sollte auf Heilfasten verzichten

Es gibt Krankheiten, bei denen selbst Befürworter des Heilfastens von dieser Maßnahme abraten. Dazu gehören beispielsweise schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Krankheiten, Schilddrüsenüberfunktion, bösartige Tumore sowie Erkrankungen an Leber und Niere. Der Naturheilkundler Professor Dr. Bernhard Uehleke von der Freien Universität Berlin warnt sogar vor dem Gerücht, dass durch Heilfasten konsumierende Krankheiten wie Krebserkrankungen behandelt werden könne, wenn man anderthalb Monate lang nur Tee und Gemüsesaft zu sich nehme: „Denn die Behauptung ist durch nichts bewiesen“ und wer derartige Maßnahmen befolge, müsse mit Mangelernährung „und damit mit einer zusätzlichen Schwächung des Immunsystems“ rechnen. Auch nach Operationen und bei psychiatrischen Erkrankungen muss aufs Fasten verzichtet werden. Darüber hinaus sollten Schwangere und Stillende auf Heilfasten verzichten. Schließlich muss das Kind während der Schwangerschaft und danach ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden. Weitere Krankheiten beziehungsweise Personengruppen, bei denen sich Heilfasten verbietet oder ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden darf sind:

•    Adipositas
•    Tuberkulose
•    Essstörungen
•    nach Operationen
•    Depressionen
•    Psychosen
•    Krebserkrankungen
•    Gicht
•    Diabetes mellituts vom Typ 1
•    Diabetes mellitus vom Typ 2
•    Kinder & Jugendliche
•    Schwere Infektionen (HIV etc.)

Heilfasten: Was ist bei Glaubersalz zu beachten
Glaubersalz ist beliebt, um vor dem Beginn des Fastens den Darm zu leeren. Das ist eine Mischung aus Kochsalz und Schwefelsäure, also Natriumsulfat. Der deutsche Chemiker Johann Rudolph Glauber entwickelte die nach ihm benannte Salzmischung Anfang des 17. Jahrhunderts. Diese kann man in der Apotheke kaufen. Glaubersalz ist weniger geeignet für Menschen mit einer Niereninsuffizienz, Herzmuskelschwäche, einem empfindlichen Magen- und Darmtrakt, Bluthochdruck oder einen zu  niedrigem Blutdruck. Außerdem kann es bei chronischem Gebrauch von Glaubersalz zu Nebenwirkungen durch eine Zunahme an Natrium kommen, wie etwa Ödeme.
Fazit: Heilfasten ist mit Risiken verbunden, die nicht unterschätzt werden dürfen. Es sollte daher nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Dafür gibt es seriöse Fachkliniken. Die Kosten von etwa 150 Euro pro Tag werden von den Krankenkassen jedoch nur in Ausnahmefällen genehmigt. Unter www.ellviva.de gibt es mehr Informationen zum Thema Diät und Ernährung. Redaktion: Patrick Jiranek und Sven-David Müller, MSc., Autor des Buches Gesundheitsrisiko Heilfasten.

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