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Immer mehr, immer schneller, immer mehr Stress

20.03.2013
von Sven-David Müller
Montagsfrüh beim Aufstehen denken wir bereits an das nächste Wochenende, am letzten Urlaubstag wird der nächste Urlaub geplant und auf dem Weg zur Arbeit träumen wir vom Feierabend. Wir wollen dem Alltag entfliehen – möglichst oft, möglichst weit und spektakulär. Ein Diskoabend fängt nicht mehr vor 23.00 Uhr an, als Geburtstagsfeier wird ein Event geplant und am nächsten Samstag geht es nach London zum Sightseeing und Shoppen. Doch unser Freizeitkonzept geht nicht auf – wir entspannen nicht und unser Stress wird nicht weniger, sondern mehr.

Süchtig nach Freizeit
Freizeit ist wichtig, das steht fest. Freie Zeit können wir selbst gestalten. Wir können Dinge tun, die wir lieben, nicht müssen. Gedacht ist diese freie Zeit zum Genießen und Entspannen. Nur dann hat sie einen Sinn. Sie bildet den Gegenpol zur Arbeit – zum Müssen, zur Leistung und zur Hektik. Doch unsere Freizeitgestaltung hat absurde Ausgestaltung angenommen. Wie ein Süchtiger eine immer höhere Dosis seiner Droge braucht, so brauchen wir eine immer lautere, schnellere und spektakulärere freie Zeit. Und unsere lebendigen Freundschaften und sozialen Kontakte opfern wir sozialen Netzwerken – wo die möglichst hohe und wachsende Zahl unserer virtuellen Freunde für alle sichtbar ist.

Stress in unserer Freizeit
In unserer Freizeit wird nicht mit Superlativen gespart. Jeder Event ist das erfolgreichste aller Zeiten und eine Party muss immer die größte sein. Am Wochenende raus ins Grüne ist spießig, man jettet nach Mailand zum Shoppen. Ein Abend mit Freunden und gutem Essen ist langweilig, man lädt alle Freunde über soziale Netzwerke zum legendären Partyevent des Jahres ein. Spazierengehen, Lesen, Musik machen oder Schwimmen sind out, schließlich muss man am Montag im Büro wieder etwas zu erzählen haben. Der Virus Stress hat sich in unsere Freizeit eingeschlichen. Wer wirklich entspannt, gilt als Langeweiler, ihm wird unterstellt, nichts aus seinem Leben zu machen und wohl nichts zu tun zu haben.

Die Physiologie unserer Nerven
Unser Körper und all unsere Reaktionen auf Reize und Anforderungen werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Es hat zwei gegensätzliche Aufgaben: Beschleunigung und Deaktivierung. Dafür sind die beiden Gegenspieler Sympathikus und Parasympathikus zuständig. Es ist immer nur einer von beiden aktiv. Der Sympathikus aktiviert uns, er hält uns auf Trab, warnt uns vor Gefahren, steigert unsere Aufmerksamkeit und ist für die Beschleunigung zuständig. Er ist aktiv, wenn wir arbeiten, uns konzentrieren, Leistung bringen müssen, aufgeregt und angespannt sind. Sein Gegenspieler, der Parasympathikus ist für unsere Erholung und Regeneration zuständig. Er drosselt unser Tempo, wirkt beruhigend und deaktivierend.

Wie Entspannung funktioniert
Ist der Sympathikus aktiv, erhöht sich unser Blutdruck und unsere Herzfrequenz, unsere Atmung wird schnell und flach. Entspannung aktiviert den Parasympathikus. Der Körper wechselt dann auf Ruhe und kann regenerieren. Der Herzschlag wird ruhiger, der Blutdruck sinkt, die Atmung wird langsamer und tiefer. Dieses Wechselspiel des vegetativen Nervensystems ist überlebenswichtig. Ist langfristig nur einer der beiden Gegenspieler aktiv,  kann das schlimme Folgen für unsere Gesundheit haben. Aufgrund unseres hektischen Lebensstils ist fast ausschließlich der Sympathikus aktiv. Herzinfarkt, Schlaganfall, Schlaf-, Verdauungs- und Konzentrationsstörungen, Migräne, Bluthochdruck, Verspannungen, Angststörungen und Depressionen sind nur einige der stressmitbedingten Erkrankungen. Entspannung schützt Körper und Psyche vor den gefährlichen Folgen von Stress. In Freizeit, in der nicht Entspannung im Mittelpunkt steht, sondern Events und Leistung, Freizeit, die nicht verlangsamt, sondern beschleunigt, die Druck ausübt und Stress verursacht, wird der Parasympathikus nicht aktiviert. Der beschleunigende Sympathikus bleibt aktiv. Unser Körper hat keine Chance zu regenerieren.

Was entspannt wirklich?
Freie Zeit ist dann entspannend, wenn wir sie so gestalten, dass der Parasympathikus aktiviert wird. Je aktiver das Gehirn arbeitet – Termine koordinieren, Leistung bringen, Organisieren, Planen, Nachdenken und Grübeln etc. – desto weniger ist Entspannung möglich. Sich einer Tätigkeit hinzugeben und die Zeit vergessen können, sind wichtige Voraussetzungen für Entspannung. Als Tiefenentspannung wird der Zustand zwischen Wachsein und Einschlafen bezeichnet. Er sorgt für die meiste Entspannung. Erreichen lässt er sich über Techniken der Meditation oder über das Autogene Training. Im Ratgeber Entspannung – so genießen Sie jeden Tag gehen die Autoren Almut Carlitscheck und Sven-David Müller ausführlich auf das Phänomen Stress und Entspannung ein und beschreiben individuelle Wege, mehr Entspannung in den Alltag zu integrieren. Der Ratgeber ist ab sofort in der Buchhandlung oder über Amazon erhältlich. Unter http://www.almutcarlitscheck.de finden Sie weitere Informationen.

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