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Kleine Fledermaus ganz groß

13.05.2009
von Sven-David Müller

Die Fledermaus von Johann Strauss ist wohl die beliebteste Operette überhaupt und jedes Jahr rangeln Hunderttausende in Deutschland, Österreich und der Schweiz um die Karten der klassischen Silvester-Operette. Normalerweise ist dieses Werk vom großen Ballett, Chor und ebensolchem Orchester geprägt, doch dem Wiener Regisseur und Tenor Wolfgang Gratschmaier ist es in seiner Inszenierung an der Comödie Fürth gelungen, das Werk mit den Solisten nur in Klavierbegleitung insgesamt neu zu interpretieren und unter Beweis zu stellen, dass es für eine sehens- und hörenswerte Fledermaus keinen großen Theaterapparat, sondern vielmehr hervorragende Sängerdarsteller braucht, die die Wiener Operette verinnerlicht haben. Wolfgang Gratschmaier gehört als Tenor zum Ensemble der Wiener Volksoper und macht seit einigen Jahren bei renommierten Musik-Festivals mit seinen unkonventionellen Operetten-Regieleistungen auf sich aufmerksam.

Gratschmaier sieht die Fledermaus anders und intimer und zeigt sie in Fürth in einer Comödienfassung, die nicht nur dort spielbar ist. Ob es, wie in Fürth jetzt geschehen, klug ist, sich gegen die Hörgewohnheiten des Publikums zu richten und die Rolle des Eisensteins mit einem Tenor zu besetzen, bleibt fraglich. Auch wenn Camillo Dell´Antonio die Rolle des Gabriel Eisenstein beachtlich singt, fehlt irgendwie doch die Durchschlagskraft eines kräftigen Baritons. Dabei bleibt allerdings festzuhalten, dass diese Rolle im Original tatsächlich mit einem Tenor zu besetzen ist. Strauss sieht für den Eisenstein die Stimmlage des Tenors vor und die Besetzung findet Entsprechung in einem Helden- oder doch zumindest Charaktertenor. Diese Stimmqualität bietet die Tonlage von Camillo Dell´ Antonio. Aber seit Hermann Prey und Eberhard Wächter haben wir uns an den Baritonklang gewöhnt. In jedem Falle ist der gesangliche Höhepunkt des Abends das „Uhrenduett“ zwischen Eisenstein und seiner verkleideten Gattin (Nicola Becht). Hier zeigen sich die Qualitäten des Tenors besonders. Und seine Lachattacke lässt wohl niemand kalt. Während an den großen Opernhäusern dick mit Ölfarbe gemalt wird, bietet sich in Fürth stimmlich und auch vom Bühnenbild, das vornehmlich aus stimmigen Versatzstücken und herrlichen Bildern besteht, ein helles Aquarell. Zu erleben ist eine zeitgemäße Umsetzung mit engagierten Sängern, die nicht krampfhaft modernistisch daherkommt.

Gratschmaiers Regie entschlackt Überflüssiges sowie allzu Walzerseeliges größtenteils, verändert den Handlungsfaden aber nicht grundsätzlich, sondern gibt den Figuren vielmehr Profil und bietet Komödianten breiten Raum für ein amüsantes Spiel. Der Regisseur kann auf die Hausherren der Comödie Fürth Volker Heißmann und Martin Rassauer setzen. Die Urkomödianten sind einem breiten Publikum als Witwenpärchen Waltraud und Mariechen aus dem Musikantenstadl bestens bekannt. Die Rolle des Frosch zu spiegeln und als Kröte zu bezeichnen, ist als Einfall schlapper als das, was Heißmann und Rassauer auf der Bühne zaubern. Sie sind einfach urkomisch und zeigen zuweilen in den Pointen das in der Kleinstadt lebenswichtige Lokalkolorit. Vor der Gefängnisszene war Rassauer schon als Ida und Heißmann als Dr. Blind und russischer Diener Iwan zu erleben. Die Inszenierung von Gratschmaier ist amüsant, aber nicht albern und zeigt trotz aller Volkstümlichkeit Intelligenz und eine jahrzehntelange Erfahrung darin, was das Publikum zum Lachen reizt und was nicht. Gratschmaier gestaltet die Rollen bis ins Kleinste durch und jede Geste sitzt. Besonders die Adele von Isabella Ma-Zach ist nicht nur gesanglich und optisch ein Genuss: Sie ist Adele. Am ganzen Köper – ganz und gar ein Vergnügen, dieses Kammerkätzchen. Und das konnte sie in den letzten Jahren schon in etlichen Aufführungen unter Beweis stellen. Aber sie ist Profi und nichts wirkt heruntergespielt, sondern zeigt darstellerisch wie in der Koloratur Raffinesse.

Nicola Becht ist als Roslinde eine echte Diva, die mit durchschlagskräftigem, wohlklingendem, aber lyrischen Sopran nicht nur im Csárdás zu überzeugen weiß. Hier schlummert eine große Opernstimme, die hoffentlich immer häufiger von Intendanten und Dirigenten für ein begieriges Publikum entdeckt wird. Die Stimmen von Becht und Gratschmaier verschmelzen im Duett „Trinke Liebchen, trinke schnell“ einfach wundervoll.

Es bleibt ein Geheimnis des Regisseurs, warum er Falke mit einem hellen Sopran (Agnes Palmisano) besetzt. Aber die gesangliche Darstellung passt zum „Jungen Falke“. Leider nutzt die Sängerin ihre Jodelfähigkeit nur kurz – hiervon wäre mehr besser gewesen, um der Figur noch mehr Statur zu verleihen. Der angenehme Sopran von Kathrin Leiwe, die dem Orlowsky schauspielerisch Gewicht verleiht, macht nicht den Effekt des Mezzosoprans einer Brigitte Fassbaender und so bleibt diese Figur etwas blass. Ganz im Gegensatz dazu Alfred, der von Wolfgang Graschmaier im blauen Bademantel als Abbild des italienischen Gigolos dargestellt wird. Angst vor dem hohen C kennt dieser Sänger nicht und so ist es ihm kein Problem wie vor Jahrzehnten Jan Kiepura, Teile des eingelegten „o sole mio“ zu wiederholen. Seine Stimme macht einfach Spaß und ist ein echter Ohrenschmaus. Die Spielfreude, die er an den Tag legt, steckt das gesamte Ensemble an. Optisch würdig und im Spiel höchst gewitzt, aber stimmlich unauffällig, gibt der Hamburger Schauspieler Peter Wohlert den Gefängnisdirektor Frank. Umsichtig begleitet Marcin Koziel am Flügel, dem es gelingt, ein Orchester vergessen zu machen und gleichzeitig ein Ensemble so zu führen, dass auch die Ensembleszenen stets beieinander bleiben. Die Comödienfassung der Fledermaus lässt sich mit minimalem Aufwand praktisch überall spielen. Die Kostümausstattung lässt ausreichend Platz zum Träumen. Wolfgang Gratschmaier hat verraten, dass diese seine Fledermaus nicht nur in Fürth erneut im Programm stehen, sondern auch an anderen Orten zu erleben sein wird. Alles Fledermaus!

Info unter www.comoedie.de und www.gratschmaier.at

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