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Mit Bruckners neunter Sinfonie endet in Braunschweig eine Ära

09.07.2014
von Sven-David Müller
Mit dem 10. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Braunschweig endete die Ära des Generalmusikdirektors Alexander Joel am 24. Juni 2014. Abschließend steht er noch beim Verdi-Requiem bei den Burgplatz-Festspielen am Pult. Mit just diesem Werk hatte vor sieben Jahren seine Amtszeit als GMD des bundesweit geschätzten A-Orchesters begonnen. Das Staatsorchester Braunschweig musiziert seit 426 Jahren und gehört damit zu den traditionsreichsten Kulturorchestern der Welt. Der Komponist Hector Berlioz war immer wieder als Dirigent am Pult und bejubelte die damalige Braunschweiger Hofkapelle als das ideale Orchester!  

Mit seiner letzten Sinfonie hat Anton Bruckner, wie er selbst schrieb, auf Erden seine Schuldigkeit getan. Er stößt damit in die Zukunft der Musik vor und geht musikalisch mindestens soweit wie Gustav Mahler später. Die drei Sätze der neunten Sinfonie sind aber nur ein Fragment, da der Komponist die Sinfonie mit dem vierten Satz nicht vollenden konnte. Alexander Joel entschloss sich, nach dem dritten Satz das Bruckner Te Deum zu spielen. So hatte es der Komponist bestimmt und eingerichtet. In Braunschweig machte Bruckners Musik nicht nur sprachlos, sondern auch der Abgesang von Joel als Generalmusikdirektor. 

Im ersten Satz in der ausverkauften Stadthalle gelingt der Wechsel von Fortissimo zum Pianissimo mustergültig und zeigt die tadellose Einstudierung des Orchesters. Den Kopfsatz interpretiert Joel drängend und kostet gleichzeitig die Zartheiten der Partitur aus. Die Streicher bieten den warmen Klang sowie präzise Pizzicati und die Blechbläser weisen nur marginale Schwächen auf. Im ersten Satz wie in den Folgesätzen und dem Te Deum präsentieren sich die Holzbläser wie auch andere Gruppen des Orchesters einfach formidabel, voller Spielfreude und bestens aufgelegt. Der im Vergleich zum ersten Satz kurze zweite Satz ist gleichermaßen fröhlich und drängend interpretiert. Fast militärisch stampfend musiziert das Staatsorchester im Dreivierteltakt und verstärkt im Trio die unruhige Stimmung des Scherzos. Die triumphalen orchestralen Ausbrüche des Orchesters im zweiten Satz zeigen das gesangliche Thema des Hauptteils gut auf. Joel setzt mit seinem Orchester eindrucksvolle Akzente. Im Dritten Satz findet er die komponierte Langsamkeit und Feierlichkeit. Ein Sonderlob an die Wagnertuben und die Blechbläser, die im Choralthema des dritten Satzes zur Höchstform auflaufen. Joel gelingt die Beruhigung zum Schluss des dritten Satzes, der mit Pizzicato-Akkorden der Streicher ausklingt. 

An die Fragment gebliebene 9. Sinfonie Bruckners schloss sich das Te Deum des Komponisten an. Er sah es als Stolz seines Lebens und es wird als Höhepunkt des künstlerischen Schaffens von Bruckner eingeschätzt. Den feierlichen lateinischen Lob-, Dank- und Bittgesang gestalten Staatsorchester Braunschweig, Chöre und Solisten beeindruckend. Die Chöre klingen homogen und kraftvoll. Auch bei größter Wuchtigkeit gelingt es dem scheidenden Braunschweiger GMD Chöre, Solisten und Orchester bestens beieinander zu halten. Die Solisten berechtigen zu Lob und Kritik, denn bedauerlicherweise übertönt die in Braunschweig zu den Publikumslieblingen gehörende Sopranistin Liana Aleksanyan die Mezzosopranistin Katarzyna Kuncio fast vollständig. Aleksanyan gelingt es leider nicht, die Opernattitüde abzulegen. Zudem stört das Vibrato ihres sonst wundervollen Organs. Der Tenor Arthur Shen gehört seit vielen Jahren zum Braunschweiger Opernensemble, dessen Star er ist. Seine Stimme ermöglicht ein beeindruckendes Nessun Dorma und im Te Deum zeigt er eine klare gut verblendete Stimme mit großer Höhensicherheit und kirchenmusikalischer Raffinesse. Als Steigerung kann man sich einen Lohengrin aus dem Munde des in den USA geborenen Sängers vorstellen. Aus Braunschweig nicht mehr wegzudenken ist der schwarze Bass von Secuk Hakan Tirasoglu, der in dieser Spielzeit sein vielbeachtetes Debüt als Gurznemanz gab. Mit prächtigen Tönen gestaltet er seine Partie ausdrucksstark und angenehm ohne zu opernhaft zu singen. Tosender Beifall, Standing Ovation und Abschiedsgeschenke nach dem letzten Ton für Alexander Joel.

Die Verbundenheit zwischen Dirigent und Orchester zeigt sich auch darin, dass Orchesterdirektor Martin Weller dem Publikum ankündigte, dass Alexander Joel im kommenden Jahr zwei Konzerte des Staatsorchesters leiten und die Zusammenarbeit hoffentlich auch darüber hinaus fortgeführt wird. Zuvor ist ein neuer Generalmusikdirektor zu berufen. In der Spielzeit 2014/15 leitet der Ehrendirigent des Staatsorchesters Braunschweig Stefan Soltesz die zehn Doppelkonzerte in der Braunschweiger Stadthalle und übernimmt ebendort auch 5 Konzerte. Alexander Joel widmet sich ab sofort seinen internationalen Verpflichtungen an den Opernhäusern und in den Konzertsälen der bedeutenden Musikmetropolen. Von Braunschweig in die Welt. 

Dr. h.c. Sven-David Müller, MSc., Kulturkritiker
Zentrum für Kulturkommunikation, Ostheimer Straße 27d, 61130 Nidderau, www.svendavidmueller.de

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