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Turandot oder die verstimmte Insekten in China

05.06.2011
von Sven-David Müller

In einer Repertoire-Vorstellung – der zweiten Turandot-Aufführung nach der Wiederaufnahme – zeigt sich wieder einmal, was der Volksoper Wien fehlt. Ein Generalmusikdirektor. Ob es klug ist, hier eine Oper in italienischer Sprache aufzuführen, erscheint mehr als fraglich. Neben dem Rezensenten saß eine waschechte Italienerin, die hier genauso wenig verstehen konnte oder wenigstens italienisches Idiom in der Stimmführung verfolgen konnte, wie der Rezensent selbst. Ungewohnt schwach war auch der Chor (Einstudierung: Michael Tomascheck). Immer wieder waren einzelne Stimmgruppen oder sogar Einzelstimmen bei Chor-Tutti deutlich herauszuhören. Der Kinderchor legte von Auftritt zu Auftritt zu und gab eine passable Leistung. Das Orchester protzte unter der Leitung von Enrico Dovico sängerunfreundlich und auch undiszipliniert. Immer wieder ärgerten Patzer im Blech. Turandot erinnerte mehr an ein kleines trotziges Mädchen als an eine chinesische unnahbare Prinzessin. Aber in der Inszenierung von Renaud Doucet stechen ohnehin die insektenhaften Kostüme von André Barbe und nicht die phantasievolle oder auch nur interessante Umsetzung des Librettos von Giuseppe Adami und Renato Simoni hervor.

Die große Arie der Liù offenbart die Schwächen der Stimme von Kristiane Kaiser sie ist einfach zu klein, neigt zum tremolieren und hat zu wenig Glanz für diese Partei. Trotzdem bedachte sie das Publikum mit Bravorufen. Einige beachtenswerte Schwebetöne von Kristiane Kaiser müssen aber vermerkt werden. In der Partei des Calaf sucht Mario Zhang von Anfang an nach einer sängerischen Linie und findet sie nicht. Sein Tenor klang, als hätte er ein Marillenknödel am Gaumen kleben. Leider wird er von Enrico Dovico auch nicht unterstützt, sondern vielmehr vom Orchester einfach zugedeckt. In der Rolle der Turandot ließ Anda-Louise Bogza weder schönen lyrischen Gesang noch imponierende Trompetentöne erschallen. Ihr Organ ist einfach zu klein und in der Höhe überfordert für diese Partie. Fortetöne waren, soweit sie überhaupt über den Graben kamen, gespreizt und klangen gequält. Der hilflos agierende Calaf von Mario Zhang bot neben verwaschenen oder angeschliffenen Tönen eine farbarme Höhe von mittlerem Volumen. Scheinbar war er schon die ganze Oper nur auf seinen Nessun Dorma Auftritt erpicht und zeigte hier durchaus Strahlkraft. Ein großer dramatischer Darsteller ist der Tenor jedenfalls nicht und über die Qualitäten eines italienischen Sängers im Stimmfach Lyrico Spinto verfügt er wohl auch nicht.

Ping, Pang und Pong verkamen im Spiel zur Knallcharge, waren jedoch gesanglich zuweilen ein echter Lichtblick in dieser Aufführung. Aus welchem Grund die Minister Michael Kraus (Ping), Karl-Michael Ebner (Pang) und Alexander Pinderak (Pong) hier ein gar witzig possierliches Spielchen treiben mussten, bleibt ein Geheimnis des Regisseurs. Von Drama keine Spur. Die gesangliche Krone gebührt dem Mandarin von Eimar Th. Gudmundsson, der als einziger durchweg ein verständliches Italienisch sang. Über Altoum von Wolfgang Gratschmaier lässt sich wenig schreiben. Er sang hinter der Bühne und seine Stimme wurde elektronisch verändert, um den alten Kaiser glaubhafter zu machen. Dieses Ziel wurde jedoch akustisch verfehlt. Der Tenor ist seit vielen Jahren an der Wiener Volksoper engagiert und gehört zu Recht zu den Publikumslieblingen. Seine Stimme prädestiniert ihn für Charaktertenorrollen wie Herodes oder Mime und sollte für den alten Kaiser in Turandot nicht verfälscht werden. Er verfügt über ausreichende Stimmkraft, Umfang und Volumen, um den kurzen aber intensiven Auftritten von Altoum gerecht zu werden. Die Führung der Wiener Volksoper sollte mit ihren Sängern besser umgehen, insbesondere wenn Regisseure unmusikalische Dinge verlangen. Karl Huml war schwach in der Partie des Timur und das kann auch am Kostüm gelegen haben. Aber die Kostüme waren ohnehin weder für die Solisten noch für die Choristen oder die Tänzer und die Statisterie zweckmäßig oder für die Handlung Impulse setzend. Am Ende fallen sich Turandot und Calaf liebend in die Arme – in einer Kitsch as Kitsch can Atmosphäre. Wenn es nicht so traurig um die verschwendeten Steuergelder wäre, könnte das Publikum über den als metallene Gottesanbeterin kostümierten Henker lachen. Viele Insekten, ein lautes undiszipliniertes Orchester und überforderte Solisten in einer merkwürdigen Inszenierung in einem Insektenstaat führen nicht zu einem beglückenden Turandot-Abend. Aber das Publikum in der Wiener Volksoper beklatscht scheinbar alles. Peinlich!

Rezensent: Sven-David Müller, Kulturjournalist, Zentrum für Kulturkommunikation, Haddamshäuser Weg 4a, 35096 Weimar, www.svendavidmueller.de

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