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Volkskrankheit Reizdarm

28.01.2010
von Sven-David Müller

Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einem Reizdarm-Syndrom. Der Diätexperte und Buchautor Sven-David Müller hat den renommierten Gastroenterologen Prof. Dr. med. Richard Raedsch zum Erkrankungsbild befragt. Sven-David Müller ist Autor des Ernährungsratgebers Magen-Darm, der sich auch mit dem Problem des Reizdarm-Syndroms auseinandersetzt. 

Die funktionellen Magen-Darm-Störungen Reizmagen- und Reizdarmsyndrom gehören zu den häufigsten Problemen in der gastroenterologischen Praxis. Nahezu jeder dritte Mensch in Deutschland ist von Störungen im Verdauungstrakt betroffen. Nicht nur aufgrund der Häufigkeit des Reizdarmsyndroms, sondern auch wegen des oft hohen Leidensdrucks der Patienten, besitzen die konsequente Diagnosesicherung und die gezielte Therapie einen hohen Stellenwert in der Gastroenterologie und durch den Kostenfaktor (beispielsweise Arbeitsausfälle) auch für die Volkswirtschaft. Reizdarm-Experte Prof. Dr. Richard Raedsch informiert über das Tabuthema Reizdarm und gibt Hilfestellung zu Symptomen, Diagnose und Behandlung der Volkskrankheit. Raedsch ist seit 1993 Chefarzt der Medizinischen Klinik Gastroenterologie und Stoffwechsel, Infektionskrankheiten und Onkologie im St. Josefs-Hospital Wiesbaden.

Diagnose von Reizmagen- und Reizdarmsyndrom ist schwierig
Für funktionelle Erkrankungen ist das Fehlen diagnostisch feststellbarer organischer Krankheitsursachen charakteristisch: Sie können daher zunächst nur durch die Beschwerden charakterisiert werden, die der Patient beschreibt. Die Erfassung dieser Symptome wurde in klinischen Studien der letzten Jahre optimiert und erlaubt es heute, die Wirksamkeit einer Therapie wissenschaftlich zu belegen. Die moderne Neurogastroenterologie hat zudem Methoden entwickelt, um auch die Ursachen der Erkrankung im Magen-Darm-Trakt und die Wirkungsweise der Therapie aufzuklären. Emotionaler Stress bei den Betroffenen kann die Beschwerdesymptomatik zusätzlich verstärken und sollte daher vermieden werden.

Symptome des Reizdarmsyndroms
Das Reizdarmsyndrom ist klinisch durch die Symptome Bauchschmerzen, Stuhlunregel-mäßigkeiten mit Diarrhoe oder Obstipation und Meteorismus gekennzeichnet. Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) beinhaltet die Definition des Reizdarmsyndroms eine Veränderung der Stuhlentleerung in mindestens zwei der folgenden Aspekte: Häufigkeit des Stuhlganges, Beschaffenheit (hart, breiig, wässrig, Veränderung konstant oder wechselnd), sowie eine mühsame Passage mit gesteigertem Stuhldrang und einem Gefühl der inkompletten Darmentleerung nach dem Stuhlgang. Häufig ist das Reizdarmsyndrom verbunden mit Bauchkrämpfen und/oder einer verstärkten Blähungsneigung.

Beschwerdemuster und Diagnose des Reizdarmsyndroms
Die Diagnosestellung des Reizdarmsyndroms erfolgt auf der Basis eines typischen Beschwerdemusters und des gezielten Ausschlusses wichtiger organischer Erkrankungen. Die Diagnosesicherung sollte der Arzt frühzeitig durchführen, um dem Patienten gezielt zu helfen und wiederholte Krankschreibungen zu verhindern. Zur empfohlenen Initialdiagnostik gehören neben der klinischen Untersuchung der kleine Laborstatus, Ultraschall und gezielte Funktionstests (zum Beispiel auf Laktose-Toleranz) und die Endoskopie. Die komplette Koloskopie liefert den wichtigsten Beitrag in der Diagnosesicherung und besitzt den höchsten Stellenwert in der differentialdiagnostischen Abklärung.

Behandlung von Magen-Darm-Störungen
Ernährungseinflüsse sind als Ursache für die Beschwerden wahrscheinlich, jedoch durch Studien nur unzureichend definiert. Bei Blähungsneigung sollten blähendes Kohlgemüse, Bohnen und Zwiebelgewächse vermieden werden. Es empfiehlt sich eine gut verträgliche Mischkost unter Berücksichtigung individueller Unverträglichkeiten. Die Auswahl der gezielten medikamentösen Behandlungsprinzipien richtet sich nach den vorherrschenden Beschwerden.

Mittel und Behandlungen nach Symptomen
Das Reizdarmsyndrom lässt sich behandeln, denn es gibt eine Reihe von Mitteln, die die Beschwerden lindern. Grundsätzlich ist vor der Einleitung der Therapie des Reizdarmsyndroms zu klären, um welchen "Reizdarm-Typ" es sich handelt.

Diarrhoe – dominant (Diarrhoe heißt Durchfall): beispielsweise Loperamid und Quellmittel wie Flohsamenpräparate (Plantago ovata Samenschalen)
Obstipations – dominant (Obstipation heißt Verstopfung): Quellmittel (wie Flohsamenschalen), Laktulose, Macrogolpräparate
Schmerz – dominant: Mebeverin, Phytotherapie, Spasmolytika
Blähung – dominant : Diätetische Therapie, Phytotherapie wie beispielsweise Pfefferminzöl, Probiotika (E. Coli Stamm Nissle), Carminativa
Weitere vielversprechende Substanzen werden in wissenschaftlichen Studien überprüft.

Erfahren Sie mehr zu diesem Thema in den imedo-Gesundheitsnews: Reizdarmsyndrom: Wirksamkeit von Heilmitteln bestätigt (http://gesundheitsnews.imedo.de/news/106235-reizdarmsyndrom-wirksamkeit-von-heilmitteln-bestatigt)

In der Gruppe „Magen – Darm“ (http://www.imedo.de/group/overview/index/19-magen-darm) der imedo-Gesundheitscommunity können Sie Fragen stellen und zu dem Thema mit anderen Betroffenen diskutieren.

Einen Gastroenterologen in Ihrer Nähe können Sie mit Hilfe der imedo-Arztsuche (http://www.imedo.de/practice/provider_search) schnell und einfach im Internet finden.

Buchtipp: Ernährungsratgeber Magen und Darm - Schlütersche Verlagsanstalt, Hannover, 12,90 Euro, Sven-David Müller/Christiane Weißenberger

Redaktion: Sven-David Müller (Medizinjournalist)
Zeichen: 5172 (mit Leerzeichen)
Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten.

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