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Wagner-Experiment in Meiningen ist geglückt: Rienzi als fast freier Held

23.06.2011
von Sven-David Müller

Die Tradition des Meininger Theaters und seiner Hofkapelle geht zurück auf die ersten Bayreuther Festspiele. Damals und über viele Jahre bildeten die Meininger Musiker den Grundstock des Festspielorchesters. Aus Anlass des diesjährigen Meininger Theatersommers bringt das Südthüringische Staatstheater die Richard Wagner Oper „Rienzi – Der letzte der Tribunen“ auf die Bühne. Für ein relativ kleines ambitioniertes Drei-Sparten-Traditionshaus ist das an und für sich noch nichts Besonderes. Aber die Aufführungsserie im Juni, Juli und August 2011 zeigt die Revolutionsoper im Englischen Garten – also im Freien. Die musikalische Übertragung in eine Arena glückt durch den Einsatz von exquisiter Tontechnik mehr als nur hinreichend. Philippe Bach, der neue Generalmusikdirektor der Meininger Hofkapelle, zeigt seine Wagnererfahrung am neuen Wirkungsort und führt sein Orchester durch die Klippen des dramatisch notierten Epos. Leichte Wackler zwischen Bühne und Orchester sind schon allein durch Positionierung desselben vor der Szene unvermeidlich, jedoch nicht wirklich schädlich. Der enorme Bläserpart wird von den Blechbläsern eindrucksvoll und weitgehend ohne deutliche Patzer dargebracht.

Ein darstellerisch und musikalisch schwacher Chor
Ein Schwachpunkt der gewaltigen Aufführung ist der Chor des Meininger Theaters. Erstaunlich unbeteiligt und ohne jedes Engagement absolviert er seine Aufgaben. Dabei ist die musikalische Leistung noch als fast adäquat zu bezeichnen, während die szenische Umsetzung der Inszenierung von Wolfgang Gratschmaier durch die Choristen praktisch nicht stattfindet. Es erscheint fast so, als wolle der Chor seine Regieleistung aushebeln. Dennoch gelingt es dem Wiener Produzenten und Regisseur eine Darstellung und Deutung über die große Freiluftbühne zu bringen, die an Eindringlichkeit wenig vermissen lässt. Welches Ergebnis wäre zu erzielen gewesen, wenn sich der Chor und der Extra-Chor dem Gesamtkonzept nicht widersetzt hätten?

Rienzi als Science Fiction Abenteuer
Bühnenbild und Kostüme beeindrucken wirklich. Die Sicht von Wolfgang Gratschmaier auf Wagners Rienzi ist eine zukunftsgerichtete und das zeigt sich schon in einem Bühnenbild aus großen und variablen Stahl-Säulen, die verschiedene Hintergrunddeutungen möglich machen. Im Programmheft kündigt Gratschmaier einen Science Fiction an. Dieser lässt sich allerdings nur durch das Bühnenbild nicht umsetzen und findet eigentlich auch gar nicht statt. Nicht zielgerichtete Modernisierung ist die Sache des erfahrenen Wiener Theatermannes glücklicherweise nicht. Der riesige rote Obelisk in der Mitte der Bühne und wenige Versatzstücke bieten eine Umsetzungsmöglichkeit der großen Oper in herausragender Weise, die vom Regisseur bestens genutzt wird. Ein Sonderlob verdienen die zeitlosen Kostüme von Ursula Wandaress, die dem Stück und der Sichtweise von Wolfgang Gratschmaier wirklich nützen. Bühnenbild, Kostüme und Regie bilden eine gerade bei der Aufführung von Werken von Richard Wagner selten zu findende Einheit und entwickeln in Meiningen den Handlungsfaden auf allen Ebenen eindrucksvoll weiter. Ob es aber wirklich notwendig ist, Rienzi in einem Jeep auf und über die Bühne fahren zu lassen, bleibt Geschmackssache, während die geräuschvolle Andeutung eines Helikopters vielleicht doch zu weit geht, weil sie auch bei einer Freilichtaufführung nicht wirklich notwendig ist. Demgegenüber war der Auftritt des Rappers doppel-u kein Sakrileg, wird aber leider auch keine Jugendlichen in die Aufführungen des doch recht komplexen und musikalisch anspruchsvollen Werkes locken. Das ist einfach zu viel verlangt, auch wenn der Wunsch des Regisseurs edel ist. Trotzdem zeigt auch der Einsatz der Modern Style Dancers Company den berechtigten Wunsch Gratschmaiers, Kunst begreiflich und modern erfahrbar zu machen. Kunst ist für Wolfgang Gratschmaier Kunst und Schranken müssen eingerissen werden, sofern dies dem Werk dient und seine Ideen waren dem Werke Richard Wagners schließlich dienlich. Die gewählte Form der Aufführung und Darstellung zeigt, dass Gratschmaier sehr wohl um die Notwendigkeiten einer Freilichtaufführung weiß.

Ein Heldentenor wurde in Meiningen geboren: Andreas Schager
Besonders deutlich wird dies auch in seiner Personenregie, besonders von Alla Perchikova mit nicht enden wollenden körperlichem Einsatz und unglaublicher Spielfreude. Die als erkrankt angekündigte Sängerin spielte und sang die Hosenrolle des Adriano nicht nur eindrucksvoll, sondern wahrhaft glaubhaft. Bravo. Camila Ribero-Souza ist gesanglich mit der Rolle der Irene sicher noch überfordert, zeigt jedoch darstellerische Möglichkeiten, die das angestrengte Tremolieren des lyrischen Soprans in der Höhe und bei dramatischen Ausbrüchen vergessen lassen. Die sängerische Leistung von Andreas Schager als Rienzi ist beeindruckend. Sein Rienzi-Debüt gelingt vollkommen und ein wahrer Heldentenor des Deutschen Faches scheint in Meiningen geboren zu sein. Mit erstaunlicher Leichtigkeit erklimmt er die Höhen, schmettert seine angenehme Stimme problemlos heraus und bleibt auch und gerade in den lyrischen Passagen sehr wenig – wenn nicht sogar nichts – schuldig. Er ist der perfekte Rienzi, der auch dem Publikum uneingeschränkt gefällt. Da sich sein Heldentenor aus einer lyrischen Stimme entwickelt hat, kann ihm nur noch geraten werden, an der tieferen Lage zu arbeiten, um ein ausreichendes Fundament für Rienzi und andere große Partien sicher und immer zu haben. Die Mitglieder des Meininger Opernensembles leisten in den mehr oder minder kleinen Partien der Oper Solides. Einzig Roland Hartmann als Raimondo macht mit abgesungener Stimme einen schlechten Eindruck. Das Meininger Experiment einer Freilichtaufführung von Richard Wagners Rienzi ist musikalisch und auch szenisch gelungen. Unverständlich bleibt, warum die Premiere am 3. Juni so schlecht besucht war. Aber das war nicht auf das stimmige Regiekonzept von Wolfgang Gratschmaier oder die Musikalische Leitung durch Philippe Bach zurückzuführen. Rienzi im modernen Gewand mag manche irritieren, ist jedoch eine Möglichkeit, die große Oper nachvollziehbar zu gestalten und zudem auf einer großen Freilichtbühne überhaupt aufführbar zu machen. Das ist Gratschmaier gelungen. Anerkennung.

Rezensent: Sven-David Müller, Zentrum für Kulturkommunikation /ZEK); Haddamshäuser Weg 4a, 35096 Weimar an der Lahn, www.svendavidmueller.de

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