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Zar und Zimmermann in Bad Hersfeld macht Freude

15.08.2007
von Sven-David Müller

Dieser große Sänger wuchert mit seinen Pfunden, und ihm zuzusehen und zuzuhören, ist eine wahre Wonne! Auch wenn der Sänger durch seine Größe und sein körperliches „Volumen“ schon rein optisch den Mittelpunkt auf der Bühne spielen könnte, wäre er auch als kleinerer Mann ein großer Darsteller und Sänger. Völlig zurecht erhält Dirk Aleschus in diesem Jahr für seine überragende Leistung als van Bett den Opernpreis der Opernfestspiele in Bad Hersfeld.

Die musikalische Leitung lag in den Händen des künstlerischen Direktors der Opernfestspiele Siegfried Heinrich. Dem Dvorak-Sinfonieorchester Prag schien es schwerzufallen, die Partitur von Albert Lortzing mit Präzision und Grazie zu vollführen. Schon die Ouvertüre klang seltsam heruntergespielt. Das Orchester tat sich schwer mit Lortzing, steigerte sich jedoch im Laufe des Abends zu einer akzeptablen Leistung. Inszenierung und Bühnenbild lagen in den bewährten Händen von Dieter Reuscher, der ein Bühnenbild zauberte, das für die Handlungsabläufe wichtig war, und aus den Kostümen von Ute Krajewski ragt wohl besonders das von van Bett heraus, das dem großen gewichtigen Sänger eine besondere Attitüde verlieh. Köstlich auch das Pavarotti-Taschentuch. Der Regisseur führte die Sänger und den Chor gut, und so entwickelte sich eine köstliche Geschichte, die Freude machte. Lediglich die Rolle der Witwe Browe beleuchtete Reuscher so wenig, dass sich die Frage stellt, wer diese Person ist, die von Annekathrin Laabs mit einem klangvollen Mezzosopran dargestellt wurde.

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Dem Marquis von Chateauneuf gab der mexikanische Tenor Omar Garrido Mendoza lyrisch-dramatisches Profil, der lediglich in der gepressten Extremhöhe aufpassen müsste. Mit Grandezza lieferte er seine Arie „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“ ab. Fast so, als sänge er eine italienische Arie. Andreas Petzoldt ist ein echter Spieltenor und bewährte sich bestens in der Partie des Peter Ivanow. Der Sänger hat die Stimme für diese Partie und bot auch schauspielerisch eine ansprechende Leistung. Nach einem stimmlich etwas mageren Beginn steigerte er sich deutlich! Der Chor sang anständig. Leider war die Stimme von Julia Caroline Küsswetter zu klein für die Partie. Sie versprühte zwar einen ansprechenden Soubrettencharme, zeigte aber auch eine ebensolche Stimme. Grobschlächtig gab Haakon Schaub die Rolle des Peter. Ihm gelang lediglich eine halbwegs rollendeckende Darstellung in Stimme und Spiel. Schönstimmigkeit ließ sein rauer Bariton jedoch vermissen, und auch im Forte machten sich Abnutzungs- oder Überforderungserscheinungen bemerkbar. Seine Darstellung übertraf seine gesangliche Leistung weit. Den „verkleideten“ Zar nahm man ihm ab.

Unauffällig ergänzten Stephan Heinemann (Lord Syndham) und Alexander Voigt (Admiral Lefort) das Ensemble. Zar und Zimmermann ist optimal für die riesige Bühne der Bad Hersfelder Stiftsruine geeignet, und es sei der Festivalleitung dringlich empfohlen, die Oper im kommenden Jahr erneut auf den Spielplan zu setzen. Natürlich wieder mit Dirk Aleschus als van Bett, der jetzt bei Brigitte Fassbaender in Innsbruck wohl gesangspädagogisch in besten Händen ist. Von ihm wird man noch viel hören! Aber am Orchesterpart müsste Siegfried Heinrich mit dem Dvorak Sinfonieorchester Prag noch feilen, um eine pikante Umsetzung sicherzustellen. Im kommenden Jahr stehen die Opern La Traviata und Hänsel und Gretel auf dem Plan der 29. Opernfestspiele in der Stiftsruine. Weitere Informationen und Kartenbestellung unter www.opernfestspiele-badhersfeld.de.

Rezensent: Kulturpublizist Sven-David Müller

Sven-David Müller, Zentrum für Kulturkommunikation (ZEK), Gotenring 37, 50679 Köln (Deutz), 0172-3854563, info@svendavidmueller.de, http://www.svendavidmueller.de
Besuche Vorstellung: 12. August 2007

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