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Staatstheater Braunschweig entdeckt Tiefland (neu)!

18.06.2007
von Sven-David Müller

Naturalistisch aber nicht plakativ und gegenwärtig aber nicht modernistisch inszeniert Uwe Schwarz am Staatstheater Braunschweig ergreifend d´Alberts Oper Tiefland. Gewaltig prallen in seiner Sicht Gut und Böse, die naive Bergwelt und das verdorbene Tiefland, gegeneinander. Die leider nur selten gespielte Oper sollte häufiger in die Theater-Spielpläne aufgenommen werden, wenn sie wie in der Neuinszenierung am Staatstheater Braunschweig als deutscher Verismo unnachgiebig dargestellt wird. Schwarz, der das Braunschweiger Haus bestens kennt, inszeniert d´Alberts Musikdrama in einem Vorspiel und zwei Aufzügen als Verismo-Oper. Er lässt dem Hirten Pedro seine fast kindliche Naivität, die Norbert Schmittberg hervorragend ausspielt. Folgerichtig tötet Pedro den reichen Grundbesitzer Sebastiano durch Genickbruch. Das bedrückende Bühnenbild von Dorit Lievenbück besteht aus zwei Ebenen: Die in den Wolken liegende Pedros und die als technisch anmutende Mühle Sebastianos. Diese ist getrennt durch ein gewaltiges Schiebetor, das den Bereich des Herrschenden von dem der sklavisch Arbeitenden trennt.

Tiefland ist der Endpunkt der neunjährigen Ära von Generalmusikdirektor Jonas Alber, der das Staatstheater Braunschweig gereift verlässt und als freier Dirigent unter anderem in Neuseeland und Saarbrücken wirkt, nachdem er in Brüssel und Wien als Gastdirigent überzeugte. Am Pult des Staatsorchesters Braunschweig entfaltete er mit dem in allen Gruppen bestens vorbereiteten Orchester eine beeindruckende Klangintensität, wie sie in Braunschweig nicht immer zu vernehmen ist. Die Partitur erinnerte in seiner Interpretation an eine großartige Filmmusik im Sinne Korngolds. Alber setzt mit den Musikern d´Alberts Partitur schlackenfrei und mit großer Raffinesse um und beschert echte „Ohrenblicke“. Ein Sonderlob gebührt der Soloklarinettistin Katharina Egetmeir, die mit ihrem klangschönen Spiel geheimnisvoll in die Oper einführte. Kongenial ergänzten sich Orchesterleistung und Bühnengeschehen. Den vom erfahrenen Chorleiter Georg Menkes hervorragend einstudierten Chor machte Uwe Schwarz zum wichtigen Handlungsträger.

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Tiefland in Braunschweig heißt ungewöhnlich gute Wortverständlichkeit. Heldentenor Norbert Schmittberg kämpft sich mehr als wacker durch die anspruchsvolle Partie des Pedro, der er darstellerisch nichts schuldig bleibt. Gesanglich konnte er sich gewaltig steigern und meisterte die Wolfserzählung geradezu bravourös. Wie selbstverständlich ordnen sich Nuri und Tommaso Sebastiano unter. Der als Söldner dargestellte Moruccio fügte sich dem Willen Sebastianos jedoch nicht und das endet mit seiner Erschießung, die aber nur als Schattenspiel erkennbar ist. Der junge Bariton Malte Roesner gab Moruccio stimmlich und darstellerisch Profil. Die gesanglich einen Helden- oder Charakterbariton erfordernde Partie des Sebastianos überforderte Jan Zinkler. Zwischentöne oder gar warme Klänge ließ sein gepresster Bariton vermissen. Darstellerisch war er ein rollendeckender Machtmensch, der Martas Entwicklung weder verstehen noch dulden kann.

Der dramatische Sopran von Anna-Katharina Behnke als geschändete Marta zeigt im Forte ein unangenehmes Tremolo und neigt zu schrillen Spitzentönen. Ihre Darstellung war außerordentlich engagiert und sie zeigte die Wandlung Martas hin zur liebensfähigen Frau nachvollziehbar auf. Mit Thomas Blondelle war Nando luxuriös besetzt: Sein Tenor hat Kraft, Schmelz und Wärme gleichermaßen und lässt eine große Tenorstimme der Zukunft nicht nur vermuten. Die machtvolle schwarze Bassstimme von Selcuk Hakan Tirasoglu, der Tommaso große Würde in der Ohnmacht verlieh, hat eine Qualität für sich. Einfach wunderbar fließen seine Töne, die eine nur selten zu vernehmende Intensität haben. Hoffentlich hört man diesen erstaunlichen Bass in Braunschweig bald in einer großen Verdirolle.

Die Comprimari Rebecca Nelsen, Heike Wessels und Kathrin Hildebrandt waren wenigstens rollendeckend. Mit vollem körperlichem und stimmlichem Einsatz war Johanna Alexandra Kibala eine überzeugende Nuri. Ein ergriffenes Publikum gab nachhaltige Zustimmung für Dirigent Jonas Alber, Sänger und Orchester sowie keine Buhrufe für den Regisseur und die Bühnenbildnerin! Tiefland steht auch in der kommenden Saison im Spielplan des Staatstheaters Braunschweig.

Rezensenten: Kulturpublizist Sven-David Müller und Diplom-Pädagogin Almut Carlitscheck

Sven-David Müller, Zentrum für Kulturkommunikation (ZEK), Gotenring 37, 50679 Köln (Deutz), 0172-3854563, info@svendavidmueller.de, http://www.svendavidmueller.de

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