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Von wegen Gesund: Fruchtzucker kann krank machen

25.01.2010
von Sven-David Müller

Immer mehr Menschen setzen auf die Süßkraft von Fruchtzucker (Fruktose) - dabei ist dieser Zucker in Reinform schwer verträglich und für viele Erkrankungen (mit)verantwortlich. Die Fruktosemalabsorption ist eine Stoffwechselstörung, bei der Fruktose (Fruchtzucker) vom Körper nicht in ausreichenden Mengen resorbiert werden kann. Diese Stoffwechselstörung wird auch intestinale Fruktoseintoleranz (Fruktoseunverträglichkeit) genannt und darf nicht verwechselt werden mit der erblichen hereditären Fruktoseintoleranz. Nach bisher vorliegenden Forschungsergebnissen ist davon auszugehen, dass bei einem Drittel der Bevölkerung eine Fruktosemalabsorption in mehr oder weniger starker Ausprägung besteht. Medizinjournalist und Diätexperte Sven-David Müller befragt dazu Privatdozent Dr. med. Hans-Joachim Thon, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin im St.-Josef-Hospital Bonn, im Experteninterview. Dr. Thon informiert imedo.de über die Ursachen und Symptome von Fruktosemalabsorption und erklärt, mit welchen Mitteln und Therapien Betroffene dagegen wirken können.

Sven-David Müller: Was ist Fruktose beziehungsweise Fruchtzucker genau?
Dr. Thon: Fruktose ist ein Einfachzucker (Monosaccharid). Er kommt in den meisten Obst- und Gemüsesorten sowie in Honig vor. Fruktose hat eine deutlich höhere Süßkraft als Haushaltszucker (Saccharose). Aus diesem Grund wird Fruktose in Lebensmitteln zum „Kalorien Sparen“ verwendet. Fruktose beeinflusst zudem den Zuckerstoffwechsel weniger stark als Haushaltszucker. Deswegen findet man Fruktose als Süßungsmittel in vielen „für Diabetiker geeigneten“ Lebensmitteln.

Sven-David Müller: Was versteht man unter dem Begriff Fruktosemalabsorption (FMA)?
Dr. Thon: Der Begriff Malabsorption bezeichnet eine Störung der Nährstoffaufnahme im Dünndarm und des Weitertransports der Nährstoffe vom Darm in die Blut- und Lymphbahnen. Fruktose wird, bei Genuss von üblichen Mengen, normalerweise im Dünndarm so gut wie komplett aufgenommen (absorbiert). Das Transportprotein GLUT-5 schleust dabei die Fruktose durch die Wand des Dünndarms zum Weitertransport in die Blutbahn. Bei einer Fruktosemalabsorption wird Fruktose nur in begrenzter Menge vom Dünndarm aufgenommen. Die nicht absorbierte Fruktose wird weiter in den Dickdarm transportiert und dort durch Bakterien vergoren. Dadurch entstehen Gase und Abbauprodukte, die den Darm reizen und Symptome wie Bauchschmerzen, Blähungen und auch Durchfälle auslösen können.

Sven-David Müller: Wie unterscheidet sich eine Fruktosemalabsorption von einer erblichen (hereditären) Fruktoseintoleranz?
Dr. Thon: Fruktosemalabsorption ist eine Verdauungsstörung. Bei der erblichen (hereditären) Fruktoseintoleranz besteht ein angeborener Mangel des Enzyms Aldolase-B. Dadurch ist der Abbau der aufgenommenen Fruktose in der Leber gestört. Es kommt zur Anhäufung von giftigen Stoffwechselprodukten, die zu einer schweren Schädigung der Leber, der Nieren und zur Unterzuckerung (Hypoglykämie) führt. Diese seltene Erkrankung, die nichts mit der Fruktosemalabsorption zu tun hat, zeigt sich bereits im frühen Kindesalter.                        

Sven-David Müller: Was führt zu einer Fruktosemalabsorption (FMA)?
Dr. Thon: Eine FMA kann verschiedene Ursachen haben. So kann die zugeführte Fruktosemenge in der Nahrung die Kapazität des Transportproteins GLUT-5 übersteigen oder das Transportprotein wird durch andere Nährstoffe blockiert. Es kann aber auch ein Mangel an Transportprotein GLUT-5 im Dünndarm vorliegen.

Sven-David Müller: Was führt zu einem Mangel an dem Transportprotein GLUT-5?
Dr. Thon: Erkrankungen des Dünndarmes, wie beispielsweise Infektionen oder die Zöliakie beziehungsweise Sprue, können zu einer Schädigung des Transportproteins führen. Ob auch genetisch bedingte Ursachen dafür verantwortlich sein können, ist bislang nicht bekannt.

Sven-David Müller: Wie kann man eine FMA diagnostizieren?
Dr. Thon: Der H2-Atemtest mit Fruktose gilt als sogenannter „Goldstandard“ für die Diagnosestellung einer FMA. Der Test ist einfach durchzuführen und für den Betroffenen wenig belastend. Dieser Test sollte, mit Laktose und Fruktose, zur Basisdiagnostik bei der Abklärung funktioneller Darmprobleme wie zum Beispiel bei Verdacht auf Reizdarmsyndrom (RDS) gehören. Mit dem H2-Atemtest können mit weiteren Testlösungen auch eine Sorbit- oder eine Saccharoseintoleranz abgeklärt werden, die ebenfalls Ursache von Verdauungsstörungen sein können.

Sven-David Müller: Wie häufig findet sich eine Fruktosemalabsorption?
Dr. Thon: Nach bisher vorliegenden Forschungsergebnissen ist davon auszugehen, dass bei einem Drittel der Bevölkerung eine FMA in mehr oder weniger starker Ausprägung besteht.

Sven-David Müller: Ist die Fruktosemalabsorption eine Krankheit?
Dr. Thon: Nein, weil die Toleranz für Fruktose auch bei Gesunden sehr unterschiedlich ist. Untersuchungen, bei denen gesunde Probanden mit unterschiedlichen Fruktosemengen belastet wurden, zeigen eine Verträglichkeitsspanne von 5 bis über 50 Gramm. Bei circa 50 Prozent findet sich bei einer Belastung mit 25 Gramm Fruktose eine FMA. So viel Fruchtzucker ist in 250 Milliliter Apfelsaft enthalten.

Sven-David Müller: Gilt die Fruktosemalabsorption dann als Nahrungsmittelunverträglichkeit?
Dr. Thon: Ja, Fruktose ist in vielen Früchten, in Honig sowie in einer zunehmenden Zahl von industriell gefertigten Nahrungsmitteln enthalten. Die Nahrungsmittelindustrie verwendet heute gerne Fruktose als süßendes Kohlenhydrat in vielen Produkten wie Müsliriegeln, Eiscreme, Soft-Getränken sowie bei „light“-Produkten und Nahrungsmitteln für Diabetiker. Auch in Babynahrung wird Kristallzucker bevorzugt durch Fruktose als Süßungsmittel ersetzt. Wenn Betroffene nach Einnahme solcher fruktosehaltiger Nahrungsmittel über Bauchprobleme klagen und zudem andere Ursachen ausgeschlossen sind, muss man von einer Unverträglichkeit ausgehen.

Sven-David Müller: Wie kann sich eine Fruktosemalabsorption bei einem Betroffenen äußern, was sind typische Symptome?
Dr. Thon: In Abhängigkeit von der Belastung mit Fruktose klagen Betroffene typischerweise über Bauchbeschwerden im Sinne eines Reizdarmsyndroms, meist gekennzeichnet durch das Auftreten von Bauchschmerzen, verstärkten Blähungen und Durchfall. Aber auch atypische Beschwerden, wie dauerhafte depressive Verstimmungen, wurden in Zusammenhang mit dem Vorhandensein einer FMA beschrieben.

Sven-David Müller: Was genau ist ein Reizdarmsyndrom?
Dr. Thon: Der Arzt spricht von einem Reizdarmsyndrom, wenn er bei einem Patienten mit anhaltenden Bauchproblemen trotz gründlicher Diagnostik keine körperlichen Ursachen findet. Der Betroffene klagt häufig über Bauchschmerzen, die sich oft in Zusammenhang mit einer gestörten Stuhlentleerung im Sinne von Durchfall oder Verstopfung verstärken. Übelkeitsgefühl und Blähungen, die insbesondere nach der Nahrungsaufnahme an Stärke zunehmen, sind weitere typische Beschwerden. Die Ursachen, aufgrund derer es zu einem Reizdarmsyndrom kommt, sind noch nicht eindeutig geklärt. Ein vielfältiges Ursachenspektrum ist in der Diskussion. Dazu gehören vorausgegangene Magen-Darm-Infekte, Stress, psychische Belastungssituationen sowie Umwelteinflüsse, unter anderem auch die Ernährung. Einig sind sich die Wissenschaftler darin, dass der Darm bei den Betroffenen auf jeden Fall empfindlicher ist als normal.

Sven-David Müller: Wie diagnostiziert man ein Reizdarmsyndrom?
Dr. Thon: Das Reizdarmsyndrom ist eine „funktionelle“ Erkrankung. Somit muss der Arzt in aller Gründlichkeit organische Erkrankungen der Bauchorgane, die mit gleichen Symptomen auftreten können, ausschließen. Hierfür kann unter anderem eine umfassende Diagnostik, die auch endoskopische Untersuchungen wie eine Magen- und eine komplette Darmspiegelung beinhaltet, erforderlich werden. Da auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten für die Beschwerden verantwortlich sein können, sollte die Ernährung des Betroffenen in die Abklärung mit einbezogen werden. Liegt bei einem Betroffenen mit Reizdarmsyndrom eine Kohlenhydratunverträglichkeit, zum Beispiel für Fruktose, vor, gelangt der nicht im Dünndarm absorbierte Zucker weiter in den Dickdarm. Dort wird er durch die Dickdarmbakterien vergoren. Der bei der Gärung entstehende Wasserstoff wird in die Blutbahn aufgenommen und dann durch die Lunge abgeatmet. Die Wasserstoff-Konzentration in der Ausatemluft lässt sich mit einem Atemtestgerät auf eine für den Patienten nicht belastende Weise messen. Zum Ausschluss einer Kohlenhydratunverträglichkeit für Fruktose, Laktose und Sorbit ist die Durchführung eines Wasserstoff-Atemtests sinnvoll.

Sven-David Müller: Wie funktioniert ein Wasserstoff-Atemtest genau?
Dr. Thon: Vor Testbeginn wird, nachdem der Patient vorher 12 Stunden nüchtern geblieben ist, ein sogenannter „Leerwert“ mit dem Atemtestgerät bestimmt. Liegt dieser Wert im gewünschten Bereich, bekommt der Patient, je nachdem für welchen Zucker auf Verträglichkeit getestet werden soll, eine Lösung mit festgelegter Zuckerkonzentration zu trinken, zum Beispiel 50 Gramm Fruktose oder Laktose in 0,3 Liter Wasser aufgelöst. Danach wird alle 30 Minuten erneut die Wasserstoff-Konzentration in der Ausatemluft gemessen. Der Test dauert maximal 3 Stunden. Wird im Testverlauf ein Anstieg der Konzentration auf über 20 ppm gemessen und berichtet der Betroffene zudem verstärkt von Bauchproblemen, wie sie für einen Reizdarm typisch sind, ist die Diagnose einer Unverträglichkeit gegen den getesteten Zucker gesichert.

Sven-David Müller: Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es zur Behandlung eines Reizdarmsyndroms?
Dr. Thon: Für das Reizdarmsyndrom ist ein ganzes Spektrum an auslösenden Ursachen in der Diskussion. So gibt es derzeit nur symptomorientierte medikamentöse Therapieformen, die zeitlich begrenzt durchgeführt werden sollten. Es ist dabei zu berücksichtigen, dass viele Symptome auch gleichzeitig auftreten können, wie zum Beispiel Schmerzen, Blähungen, Stuhlverstopfung und Durchfall, die eine kombinierte medikamentöse Therapie erfordern. Probiotika und pflanzliche Carminativa gewinnen in der medikamentösen Therapie zunehmend an Bedeutung. Zudem gibt es weitere alternative Behandlungsverfahren. In Fällen mit schwerem Verlauf kann auch der Einsatz eines niedrig dosierten Psychopharmakons hilfreich sein. Dann ist auch eine unterstützende psychotherapeutische Behandlung sinnvoll.

Sven-David Müller: Welche Verbindungen sehen Sie zwischen einem Betroffenen mit Reizdarmsyndrom und einer FMA?
Dr. Thon: Es gibt bislang keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, dass bei Betroffenen mit Reizdarmsyndrom häufiger eine FMA vorliegt. Die FMA hat somit wohl keine Bedeutung als Krankheitsursache für ein Reizdarmsyndrom. Es ist aber davon auszugehen, dass Betroffene mit Reizdarmsyndrom und FMA auf Fruktosebelastung mit erheblich stärkeren Beschwerden reagieren. Die Beschwerden werden in ihrer Ausprägung bei den Betroffenen mit Reizdarmsyndrom als krankheitsbedeutsam wahrgenommen.

Sven-David Müller: Führt eine Ernährungsumstellung bei Betroffenen mit Reizdarmsyndrom und Fruktosemalabsorption zu einer Beschwerdebesserung?
Dr. Thon: Aktuelle Studien zeigen, dass Reizdarmsyndrom-Patienten, bei denen eine FMA nachgewiesen wurde, von einer Ernährungsumstellung in besonderer Weise profitieren können. Berücksichtigt werden sollte jedoch, dass bei den Betroffenen gleichzeitig noch weitere Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wie eine Laktose- oder auch eine Histaminintoleranz, bestehen können. Bei 80 Prozent der FMA-Patienten besteht darüber hinaus eine zusätzliche Sorbitintoleranz. Das ist auf dem Weg zu einer erfolgreichen Ernährungstherapie zu berücksichtigen.

Sven-David Müller: Welche Heilungschancen gibt es bei der Fruktosemalabsorption?
Dr. Thon: Im Prinzip keine, da es sich ja nicht um eine Erkrankung im klassischen Sinne handelt. Therapie der ersten Wahl ist die Umstellung auf eine fruktosereduzierte Ernährung. Wegen der komplexen Faktoren, die bei einer solchen Umstellung zu berücksichtigen sind, sollte diese sinnvollerweise von Ernährungsspezialisten wie Diätassistenten oder Ökotrophologen begleitet werden. Ist die FMA Folge einer behandelbaren Dünndarmerkrankung, so können sich mit Besserung der Erkrankung auch die durch die FMA bedingten Beschwerden bessern, wie beispielsweise bei einer Zöliakie beziehungsweise Sprue oder einer Darminfektion.

Sven-David Müller: Hat die Fruktosemalabsorption heute die gleiche medizinische Bedeutung wie die Intoleranz gegen Laktose (Milchzucker) und gegen Sorbit?
Dr. Thon: Generell ja. Leider ist das Wissen über das Problem der Fruktosemalabsorption sowohl bei Ärzten als auch in der Bevölkerung heutzutage noch gering, sodass es an Problembewusstsein fehlt. Fruchtzucker gilt immer noch, nahezu unwidersprochen, als der sogenannte „gesunde Zucker“, unter anderem da er aus Früchten hergestellt wird. In Deutschland finden wir bei 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung eine Laktoseintoleranz. Eine Laktoseintoleranz ist relativ leicht festzustellen, unter anderem weil dieses Problem nicht nur im Wissen der Ärzte, sondern auch im Bewusstsein der Bevölkerung inzwischen recht gut verankert ist. Sorbit kann ebenfalls, in größeren Mengen zugeführt, zu Bauchproblemen führen. Sorbit hemmt zudem im Dünndarm die Resorption von Fruktose und kann somit das Problem einer Fruktosemalabsorption verstärken. Sorbit findet sich nicht nur in Obst, wie Äpfeln und Birnen, sondern auch als bevorzugtes Süßungsmittel in Kaugummi, zuckerfreien Bonbons und als Zusatz in vielen diätetischen Lebensmitteln.

Sven-David Müller: Welche gesundheitlichen Probleme kann die Aufnahme zu großer Mengen an Fruktose noch auslösen?
Dr. Thon: Der Konsum von Fruktose hat insbesondere in den USA in den letzten 30 Jahren um das 100fache zugenommen, zumeist in Form von industriell gefertigten Nahrungsmitteln, Softdrinks, Fast Food, Well Food, Light Food und so weiter. Dieser hohe Konsum kann auf Dauer zu weiteren gesundheitlichen Problemen führen, wie Übergewichtigkeit, Neigung zur Entwicklung von Gicht und Auftreten einer Fettstoffwechselstörung. Auch bei uns in Deutschland nimmt der Fruktosekonsum durch die Veränderung in den Ernährungsgewohnheiten ständig zu.

Buchtipp: Ernährungsratgeber Magen und Darm, Schlütersche Verlagsanstalt,Sven-David Müller und Christiane Weißenberger, Hannover, 12,90 Euro

Das imedo-Medizinlexikon bietet weitere Details zur Fruktoseintoleranz: http://www.imedo.de/medizinlexikon/fruktoseintoleranz

Auf dem Gesundheitsportal imedo.de wurde von Nutzern die Gruppe „Fruktoseintoleranz“ (http://www.imedo.de/medizinlexikon/fruktoseintoleranz) gegründet, in der sich Betroffene über ihre Erfahrungen austauschen können.

Lesen Sie weiter in den imedo-Gesundheitsnews: Reizdarmsyndrom: Wirksamkeit von Heilmitteln bestätigt (http://gesundheitsnews.imedo.de/news/106235-reizdarmsyndrom-wirksamkeit-von-heilmitteln-bestatigt)

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